Psychologie und Soziologie

Die Psychologie ist die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen. Die Soziologie ist die Wissenschaft von den Formen des menschlichen Zusammenlebens und gesellschaftlichen Veränderungen.

Häufig werde ich gefragt, ob es „das“ denn vor 30, 40, 50, 60… Jahren auch schon gab. „Das“ kann beliebig ersetzt werden durch

  • Essstörungen
  • Depressionen
  • Angststörungen
  • Traumatisierungen
  • Beziehungsunfähigkeit
  • Bindungsstörungen
  • Paarkonflikte
  • etc.

Vieles davon gab es schon damals. Natürlich waren Soldaten, die aus dem Krieg heimkehrten traumatisiert. Natürlich gab es bereits Angst- und Essstörungen. Natürlich waren die Paare vielleicht bis zum Lebensende zusammen, aber glücklich waren sie vielleicht nicht (bzw. erwarteten das auch nicht von einer Ehe). Aber natürlich haben die gesellschaftlichen Veränderungen einen massiven Einfluss auf unsere Psychen, auf unser Verhalten und Erleben. Und natürlich haben die gesellschaftlichen Veränderungen einen massiven Einfluss auf die Auftretenswahrscheinlichkeit psychischer Reaktionen, Entwicklungen und Erkrankungen.

Zwei (kurze) Beispiele

  1. Die Ehe
    Durch die gesellschaftlichen Veränderungen (die Emanzipation der Frau, die ökonomische Unabhängigkeit, die Gleichstellung, die Auflösung der klassischen Rollenverteilung) ist eine Ehe zwar eine Entscheidung, aber keine Entscheidung mehr auf Lebenszeit. Was vor Jahrzehnten noch undenkbar war (die Auflösung der Ehe) ist heute an der Tagesordnung. Wenn man es nicht mehr miteinander aushält, trennt man sich eben wieder. So what. Dadurch, dass sich die Rollenverteilung so eklatant verändert hat, müssen viele Dinge innerhalb der Paarbeziehung auf einmal paarindividuell verhandelt werden. Es ist nicht mehr klar, dass der Mann das Geld verdient und die Frau den Haushalt und die Kinder macht. Ganz im Gegenteil. Auf einmal muss alles selbstständig verhandelt und entschieden werden. Wer den Müll rausbringt, wann die Kinder geplant werden, wer wieviel arbeitet, an welchen Tagen, wer die Wäsche wäscht, wer die Kinder zur Kita bringt, wieviel Paarzeit man miteinander verbringt, was man von seiner Beziehung erwartet, wer sich um das kranke Kind kümmert, wer die Pflege für die alten Eltern organisiert. Alles verhandelbar. Das ist gut. Das ist aber auch anstrengend. Das kostet Zeit. Zeit zum Reden, Zeit zum Verhandeln, Zeit zum Neu-Verhandeln. Eine gute Veränderung, die aber eine neue Art der psychischen Umgangsformen erfordert. Die alten Kommunikationsmuster greifen nicht mehr.
  2. Die Magersucht
    Natürlich gibt es vielfältige Erklärungsmodelle für die Entstehung der Magersucht. Aber eines ist relativ klar. Es handelt sich um eine relativ „junge“ psychische Erkrankung. Eine „junge“ psychische Erkrankung und eine sehr gefährliche psychische Erkrankung. Die erste wissenschaftliche Erwähnung finden wir ca. 1870. Schauen wir uns die Kunstgeschichte an, z.B. die „Rubens“-Figuren mit vielen Kurven, einer runden, vollen und üppigen Weiblichkeit und setzen sie in den gesellschaftlichen Rahmen, in dem Essen und Wohlgenährtsein nur relativ wenigen Bevölkerungsschichten vergönnt war, wird deutlich, dass es nicht leicht war, eine „Rubens“-Figur zu haben. Wohlgenährtsein war damit nicht nur ein Ausdruck von Schönheit, sondern auch von Reichtum. Lebensmittelarmut führte zu einem veränderten Schönheitsideal.
    Im Jahr 2018 hat sich nicht nur das Schönheitsideal gewandelt. Wir leben in sehr vielen Bereichen im Überfluss. Ein Bereich, der sich direkt auf unser Schönheitsideal ausgewirkt hat ist der Nahrungsmittelüberschuss: Heutzutage ist es keine Kunst mehr viel zu essen. Es ist eine Kunst wenig zu essen. Sich etwas zu verkneifen. Auf seine Ernährung zu achten. Das sind die neuen Maßstäbe an denen Schönheit gemessen wird. Und das hat Auswirkungen. Zunächst hatte es Auswirkungen auf die Mädchen und Frauen. Mittlerweile ist der Schlankheitswahn auch in der Männermode angekommen und wir verzeichnen einen Anstieg an anorektischen (magersüchtigen) Jungen und Männern.

Natürlich ist das alles multifaktoriell. D.h. neben den psychischen und soziologischen Auswirkungen gibt es auch biologische Faktoren etc. Aber es macht deutlich, dass einige unserer persönlichen Probleme, keine Probleme sind, die wir uns selbst ans Bein gebunden haben, sondern mehr oder weniger direkte Auswirkungen unserer gesamtgesellschaftlichen Veränderungen. Und das wiederum bedeutet, dass wir die gesellschaftlichen Veränderungen gut im Auge behalten sollten.

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