Warum ich Ratgeber manchmal hasse…

Ich spiele häufiger mit dem Gedanken einen „Anti-Ratgeber“ zu schreiben. Per se habe ich nichts gegen ein glückliches Leben, aber manchmal wird es mir einfach zu viel. Vor allem in meinem Beruf als Psychologin. Ja, viele Menschen in Deutschland sind psychisch gesund. Glaubt man größeren epidemiologischen Studien, liegt die Wahrscheinlichkeit im Laufe seine einmal psychische krank zu werden (nicht zu bleiben) allerdings bei ca. 85%. D.h. heute hilft einem vielleicht noch der nette Ratgeber, morgen vielleicht schon nicht mehr.

An alle, denen Selbsthilfebücher helfen, die auf „Glück ist eine Entscheidung“ usw. usw. usw. schwören und es meinen KlientInnen so gerne und so oft ans Ohr quatschen: Danke und herzlichen Glückwunsch! Sie sind psychisch gesund oder zumindest so gesund, dass Ihnen ein Buch zu einem besseren Leben verhilft. Ob Sie es glauben oder nicht, so sehr es Ihnen geholfen hat: Menschen sind unterschiedlich. Sie bevorzugen unterschiedliche Literatur, sie sind psychisch unterschiedlich konstituiert und sie haben auch unterschiedliche (manchmal richtig richtig bescheidene) Lebenserfahrungen gemacht.

Anstatt also immer weiter die kleinen Sonnenschein-Büchlein zu propagieren und Sätze wie „aber heute scheint doch die Sonne“ oder „mach einfach mal regelmäßig Sport“ zu sagen, denken Sie doch vielleicht mal eine Minute darüber nach, ob jemand, dem das nicht hilft vielleicht ein größeres Problem hat. Naaaaa? Einfach mal als Hypothese. Und wenn Sie dann vielleicht denken „Hm ja, könnte sein“, dann könnten Sie die Person ermutigen sich professionelle Hilfe zu suchen bzw. Helfen professionelle Hilfe zu bekommen. Professionelle Hilfe in Deutschland zu bekommen ist nämlich nicht leicht. Gar nicht leicht. Es ist beschwerlich, es dauert und es ist oftmals ein harter Weg.

Das wäre für so manchen psychisch Erkrankten deutlich hilfreicher als der Wink mit dem Buch, der Sonne, dem Sport, der Willenskraft oder was unserer Gesellschaft sonst noch so alles einfällt.

Danke! 

3 Kommentare

  1. Stimmt. Als ich eine schwierige Zeit hatte, hatte ich auch einen Psychologen, der mich mit solchen Sprüchen wie aus Ratgebern auswendig gelernt zutextete. Das hatte mir nicht wirklich geholfen. Mir das offensichtlichste Sagen, kann auch meine innere Stimme. Ich habe mir dann jemand anders gesucht und heute geht es mir wieder richtig gut, auch wenn mein realistischer Blick auf die Welt mich schon betrübt. Aber dieser Blick ist wie eine Brille mit der man schärfer sehen kann. Und sie ist ein Teil von mir.

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  2. Wirklich völlig ohne Ironie, aber doch mit einem Zwinkern, weil mE so herrlich passend, hier die Empfehlung für das wunderbare Buch Watzlawicks: „Anleitung zum Unglücklichsein.“

    Nur zur Abrundung sei erwähnt, dass ich mit Vorbehalten gerne meine Zustimmung ausspreche. Von Frankl lernte ich den schönen Satz, dass der heutige Mensch nicht nur traurig ist sondern auch noch sich seiner Traurigkeit schämt; psychologische Angelegenheiten werden gerne abgetan, ernsthafte Probleme zu lächerlichen Befindlichkeiten degradiert. Die Pathologie der Normalität?

    Gleichwohl ist der Mensch süchtig nach Problemen und wird manch ein Therapiekontext zu einer trügerischen Komfortzone.

    Gruß

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  3. Ich glaube die Pathologie der Normalität resultiert aus den sozialen Medien und Filmen und Serien. Wir werden ständig mit perfekten Fotos konfrontiert, dass andere Menschen schinbar erfolgreicher und glücklicher sind als wir selbst. Sie sehen besser aus, sie haben mehr Luxus und sie sind zufrieden. Es scheint also einfacher unsere Befindlichkeiten zu belächeln und kleinzureden. Dabei ist verdächtig, dass neurologische Erkrankungen in den westlichen Kulturen in den lketzten jahren deutlich zugenommen haben.

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